El Salvador ist eines der gefährlichsten Länder der Welt. Pro Tag werden im Durchschnitt 14 Morde begangen. Ein Großteil dieser Gewaltverbrechen geht zu Lasten der beiden rivalisierenden Jugendbanden Mara Salvatrucha und Mara Dieciocho (Mara 18). Dem Kreislauf der sich reproduzierenden Gewalt zu entkommen ist für die jungen Männer sehr schwer. Der Staat setzt ausschließlich auf repressive Mittel, Hilfsangebote zur Resozialisierung gibt es kaum. Eine Möglichkeit bietet das Programm „Adios Tatuajes“. Gangaussteiger können sich hier ihre Tätowierungen, die sie als Mitglieder der jeweiligen Gang identifizierbar machen, entfernen lassen.
Dabei verschwinden die Tätowierungen nicht rückstandslos. Durch die verwendete Technik bleiben dem Teilnehmer des Programms deutlich sichtbare Narben. Diese lassen zum Teil noch erkennen welche Motivik die Tätowierung aufwies. Der Ausstieg ist genauso deutlich vom Körper abzulesen wie zuvor das Leben in der Gang. Die Stigmata werden somit nicht ausgelöscht, sondern im besten Fall umgedeutet.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Körper als Trägermedium für die Dokumentation individueller Biografien.
Sie haben es sich nicht nehmen lassen mich vom Flughafen abzuholen. Müde von dem 25-stündigen Flug trete ich in die angenehme Wärme San Salvadors und bin froh, dass schon ein Fahrer wartet, der mich zu meiner Unterkunft bringt.
Dort angekommen werde ich freundschaftlich willkommen geheißen und zu einem Abendessen eingeladen – Aufatmen nach einer langen Reise.
Vor der Bar steht ein Türsteher mit Shotgun. Die Realität, auf die ich mich gestützt durch meine Recherchen in Deutschland eingestellt habe und wegen der ich hierher gekommen bin, wird mit einem Schlag deutlich: El Salvador ist ein armes Land an der Pazifikküste Zentralamerikas. Es ist mit einer Mordrate von 66 Morden auf 100.000 Einwohner im Jahr 2010 eines der gewalttätigsten und gefährlichsten Länder der Welt. Eine höhere Mordrate hatte im gleichen Jahr nur das Nachbarland Honduras mit 82 (1) Morden pro 100.000 Einwohner.
Schwer bewaffnetes Sicherheitspersonal ist ein alltäglicher Anblick in den Straßen San Salvadors. Sich frei und ungezwungen zu bewegen ist nicht möglich. Ein Gefühl von Sicherheit gibt es praktisch nicht. Ich hatte von diesen Umständen gelesen und mich bewusst darauf eingelassen.
Vor meiner Abreise aus Deutschland hatte ich Kontakt zu einer christlichen Hilfsorganisation, der SSPAS (Servicio Social Passionista) in San Salvador aufgenommen, die mit Mitgliedern zweier rivalisierender Jugendbanden arbeitet.
Ein Großteil (ca. 45%) der Gewaltverbrechen in El Salvador geht zu Lasten dieser beiden Jugendgangs, der Mara Salvatrucha (MS 13) und der Mara dieciocho (Mara 18)(2).
Ein grundlegender Teil der Arbeit von SSPAS besteht aus dem Programm „Adios Tatuajes“, der Entfernung von gangspezifischen Tätowierungen, um einen Ausstieg aus der Jugendgang und der sich ständig reproduzierenden Gewalt zu erreichen, mit dem Ziel der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Ich will Teilnehmer dieses Programms fotografieren.
Während ihrer „Vida Loca“(3) tätowieren sich die jungen Männer gegenseitig, um ihre Zugehörigkeit zu ihrer Gang zu manifestieren und einschneidende Erlebnisse zu dokumentieren. Diese willentlichen, dauerhaften und deutlich sichtbaren Einschreibungen in den Körper, mit all ihrer stigmatisierenden Konsequenz und Radikalität, fasziniert mich und ist der Grund für meine fotografische Arbeit.
In den folgenden Tagen erschließe ich mir die organisatorischen Strukturen von SSPAS und lerne mich in Mejicanos, einer Satellitenstadt im Norden San Salvadors, die Sitz des Projektes ist, zu bewegen.
In Mejicanos ist die Armut groß, die Häuser einfach, meist wellblechgedeckt und die Menschen auf sich gestellt. Verbrechen und Gewalterfahrungen sind hier Alltag.
Die verschiedenen Viertel stehen unter der Kontrolle der beiden Maras(4), das gesamte soziale Leben ist davon beeinflusst.
Dies bedeutet, das ich mein Fotoequipment ausschließlich mit dem Taxi transportieren muss, dass ich lerne Warnungen meiner Gastgeber ernst zu nehmen und es vermeide allein mit öffentlichen Bussen zu fahren oder mich nach 18 Uhr auf der Straße zu bewegen. Arbeit und Freizeitbeschäftigung beschränken sich jeweils auf geschützte Räume.
In einem dieser geschützten Räume begegne ich den Männern, deren Geschichten mich interessieren.
Die Entfernung der Tätowierungen bietet SSPAS, neben anderen ärztlichen Behandlungen, in einem ambulanten Behandlungszentrum an. Potentielle Aussteiger erhalten hier eine Unterstützung, die es in Form staatlicher Hilfsprogramme nicht gibt. Zudem werden auch aktive Gangmitglieder unvoreingenommen ärztlich behandelt.
Um das Spannungsfeld zu begreifen, in dem die Arbeit der Organisation stattfindet muss man folgendes über den politischen Umgang El Salvadors mit der Gang-Problematik wissen: 2004 etablierte die damalige rechts-konservative Regierungspartei ARENA als Reaktion auf die wachsende Gang-Kriminalität den Maßnahmenkatalog der Mano Dura (Harte Hand), dessen Prinzip ein repressiver Umgang mit Gangmitgliedern ist. Unter anderem, weil die in diesem Rahmen erlassenen Gesetze es ermöglichen, Jugendliche wie erwachsene Straftäter zu behandeln oder Menschen über 72 Stunden ohne Benachrichtigung von Angehörigen festzuhalten, wurde dieser Maßnahmenkatalog letztlich vom obersten Gericht für verfassungswidrig erklärt.
Die aktuelle, sozialistische Regierungspartei FMLN kritisierte den Plan Mano Dura zwar während ihrer Oppositionszeit scharf, führt die Maßnahmen nach ihrer Regierungsübernahme 2009 aber unverändert fort und erließ zusätzlich ein Gesetz, dass die bloße Mitgliedschaft in einer Gang unter Strafe stellt. Dabei gelten Tätowierungen als ausreichender Beweis für Straffälligkeit.
Präventive oder resozialisierende Ansätze beinhaltet der Maßnahmenkatalog der Regierung nicht. Von staatlicher Seite gibt es also keine Hilfsangebote oder Alternativen für die meist jungen Menschen, die häufig schon im Kindesalter in die Maras eintreten.
Aufgrund dieser Gegebenheiten werden die sogenannten Mareros weiter in die Illegalität gedrängt und in ihrem Gang-Umfeld gebunden. Jedes Verlassen des eigenen Viertels ist mit dem Risiko einer Festnahme oder eines Angriffs verfeindeter Mareros verbunden.
Jeder Versuch aus diesem Kreislauf von Gewalt und Kriminalität auszusteigen wird vom Staat nicht gefördert und seitens der Maras als Verrat gewertet, der unmittelbare Lebensgefahr und soziale Isolation nach sich zieht.
An dieser Stelle versucht SSPAS die Versäumnisse des Staates auszugleichen. Sie schafft Beschäftigungsmöglichkeiten und hilft bei der Existenzgründung, um den Gang-Aussteigern eine reelle Alternative zu ihrem bisherigen Leben zu ermöglichen.
In besonderer Weise visualisiert sich der Akt der Resozialisierung durch die Entfernung der Tätowierungen, die deutlich sichtbare Narben hinterlässt. Der Ausstieg ist genau so deutlich am Körper der Betroffenen abzulesen, wie zuvor das Leben in der Gang. Das Stigma wird somit nicht ausgelöscht, sondern bestenfalls umgedeutet.
Die Eindrücke, die ich während meiner Arbeit mit den ehemaligen Mareros gesammelt habe, stehen in krassem Gegensatz zu ihrem Ruf und zu der Erfahrung anonymer Bedrohung, die ich in San Salvador gemacht habe.
Ich treffe junge Männer mit sehr unterschiedlichen Schicksalen.
Oscars Biografie spiegelt nahezu exemplarisch die Entstehungsgeschichte der Mara Salvatrucha und machte sie für mich begreifbar. Er ist 1986, im Alter von 9 Jahren mit seinem Vater vor dem Bürgerkrieg in El Salvador(5) in die USA geflohen. In den Armenvierteln von Los Angeles stießen die salvadorianischen Flüchtlinge auf Ablehnung und Feindseligkeit seitens der lokalen, ethnisch organisierten Gangs, was zur Folge hatte, dass sie sich zur Mara Salvatrucha zusammenschlossen. Mit einer Verschärfung der Abschiebepraxis in den USA 1994(6), wurden viele Gangmitglieder nach El Salvador zurückgeschickt, was dazu führte, dass sich die Gangstrukturen auch in Zentralamerika etablierten. 1999 wurde auch Oscar nach einem mehrjährigen Gefängnisaufenthalt abgeschoben. Zurück in El Salvador war die einzige Konstante und Hilfe die er erfuhr die Aufnahme in die lokalen Gangstrukturen der Mara.
Viele bezahlen die Mitgliedschaft in einer Gang mit ihrem Leben. Oscar ist jetzt 33 und auch er wurde zwei Mal angeschossen.
Trotz seines Ausstiegswillens merkt man ihm seinen Stolz und sein Selbstbewusstsein als Teil der Mara Salvatrucha an. Ich merke, dass ich mit einem Mann spreche, der in seinem Leben sehr viel Einschneidendes erlebt und überlebt hat und mit der Stimme desjenigen spricht, der weiß, dass Fehler hier unverzeihlich sein können. Sein fortgeschrittenes Alter und seine hohe Stellung in der Gang-Hierarche geben ihm die Freiheit sich von der Gang zu distanzieren.
Geovany berichtet, dass er schon mit zwölf Jahren begeistert in die Mara eingestiegen ist. Er wurde nicht aufgefordert, nicht gezwungen oder „eingesammelt“, er suchte den Kontakt alleine. Denn die Maras rekrutieren nicht, sie nehmen die auf, die freiwillig zu ihnen kommen.
In den Strukturen der Mara Salvatrucha fand er den Rückhalt und die Orientierung, die ihm sein familiäres Umfeld nie bieten konnte. Zunächst wurden ihm einfachere Aufgaben übertragen: An roten Ampeln putzte er die Scheiben von Autos, die halten mussten und bedrohte nicht zahlungswillige Fahrer mit einem Messer. Später war er für die Aufnahme neuer Mitglieder zuständig.
Seine über den gesamten Körper verteilten Tätowierungen verweisen auf seine ereignisreiche Biografie innerhalb der Mara und erinnern mich, während vielen durchaus sympathischen Gesprächen daran, mit wem ich es zu tun habe. Zwei in die Augenwinkel tätowierte Tränen stehen für Morde, die er begangen hat. Die vielen Grabsteine auf Brust und Rücken erinnern an verlorene Freunde.
Während Geovany und Oscar ihre Vergangenheit nicht zu bereuen scheinen, gibt es andere, die ihre Tätowierungen wie Schandmale begreifen.
Nelson kam im amerikanischen Gefängnis mit der Mara in Kontakt. Innerhalb dieser Gefängnisse sind Schwarze, Weiße oder Latinos in Gangstrukturen organisiert, die Sicherheit bieten. Aus dieser Zeit stammt auch sein großes, über den Rücken verlaufendes Gangtatoo. Nach seiner Abschiebung wurde Nelson in San Salvador von der verfeindeten Mara 18 angegriffen und angeschossen. Für Nelson das Signal, auszusteigen: Während die Gang-Mitgliedschaft im Gefängnis nur Mittel zum Zweck gewesen war, um in Sicherheit zu leben, war er nun gegen seinen Willen einer um sich greifenden Gewalt ausgesetzt, zu deren Erwiderung er nicht bereit war.
Dafür nimmt er jetzt die großen und schmerzhaften Narben in Kauf, die nach der Tattoo-Entfernung bleiben.
Wie riskant diese radikale Entscheidung zum Ausstieg und der Tattoo-Entfernung ist, verdeutlicht Walthers Geschichte. Seit seinem Entschluss auszusteigen gilt für ihn „Luz Verde“. Seine eigene Gang hat „Grünes Licht“ für seine Ermordung gegeben.
Die genannten Beispiele zeigen, wie intensiv der Einfluss der Tätowierungen auf das Leben ihrer Träger ist. Sie illustrieren Lebensabschnitte, definieren das soziale Umfeld, drängen in die Illegalität und beeinflussen so die Chancen, die ermöglicht oder verwehrt werden.
Meine Arbeit thematisiert nicht den individuellen Lebenswandel und soll keine Heroisierung der Vida Loca sein, sondern in die Haut geschriebene Geschichte zeigen. Sowohl die Tätowierungen als auch die Narben der Tattoo-Entfernungen stehen symbolhaft für Stolz, Furchtlosigkeit, die Zwänge in der Gesellschaft, für Scheitern, Gebrochenheit, Gewalt, aber auch für Neuanfang und Mut.
Fußnoten
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(1) UNODC – Global Study on Homicide 2011, S. 107
(2) Peter Peetz: Zentralamerikas Jugendbanden – „Maras“ in Honduras, El
Salvador und Guatemala, in: Brennpunkt Lateinamerika, Nr. 5; 2004, S. 50
(3) Als Vida Loca (Dt.: verrücktes Leben) wird das Leben innerhalb einer
Jugendgang bezeichnet.
(4) Mara ist eine allgemeine Bezeichnung für die beiden großen Jugendgangs Mara Salvatrucha und Mara 18 und lässt
sich sinngemäß mit Bande übersetzen. Jugendgangs im allgemeinen werden als Pandillas (-juveniles) bezeichnet.
Während die Mara Salvatrucha, als reine salvadorianische Gang gegründet, ihren Namen von einer abwertenden
Bezeichnung für die salvadorianischen Flüchtlinge herleitet und nur in ihrer Kurzform, MS 13 den geografischen
Bezug zu ihrem Gründungsort nahe der 13. Straße von Los Angeles aufweist, war die Mara 18 von Anfang an ethnisch
gemischt und bezieht sich in ihrem Namen ausschließlich auf ihren Gründungsort, nahe der 18. Straße von LA.
(5) In El Salvador herrschte von 1980 – 1991 Bürgerkrieg. Die Guerilla der sozialistischen FMLN versuchten die herrschende
Militärdiktatur zu stürzen. Nach Ende des Bürgerkriegs formierte sich die FMLN zu einer regulären politischen
Partei.
(6) Ausländer, die in den USA zu einer Haftstrafe ab einem Jahr verurteilt wurden, werden nach verbüßen dieser Strafe
umgehend in ihr Heimatland zurückgeschickt.
Siehe:
Washington Office on Latin America; Youth Gangs in Central America – Issues in Human Rights, Effective Policing,
and Prevention, 2006, S. 4